wir streichen die gewalt - narkotikum [IV]
Gewalt. Gewalt! Gewalt als einziger und letzter Versuch das verfluchte Leben um mich noch zu spüren. Schlag mich. Tritt mich. Sieh mich wenigstens an. Vernichte mich. Lass mich untergehen in deinem Hass. Lass mich von deiner Wut zerschmettert werden.
Ich sehe, was du fühlst. Ich spüre, was du denkst. Ich merke, was du willst. Doch ich gebe es dir nicht. Du willst mir nicht die Genugtuung geben, die ich haben will. Somit stehe ich auf, verlasse diese brennende Aura, die uns zu zerreißen droht und stehe nun einen halben Meter weiter am Kühlschrank.
- I escaped from Mexican prison.
- Ja, sagst du und spuckst mir zu Füßen. Weiterlesen
“Meine Begeisterung klingt wie eine elektrische Zahnbürste” - Dissertation über dich
Du bist weg. Und ich bin hier. Und du wirst nicht wieder kommen. Und ich kann dir nicht hinterher. Und ich bin nun hier und bin wütend und sauer, dass du gegangen bist. Und ich trinke Kaffee und rauche. Und ich starre Löcher in die schwere Luft. Und bald auch schließe ich die Augen und du erscheinst und lässt mich nicht in Ruhe. Und ich bin wieder auf dem Sprung und werfe mit Eiern, so wie wir es einst taten, damals, als alles noch anders war. Anders und in Ordnung. Und als wir uns liebten in diesem einen Sommer. Auf den Wiesen der Stadt und am Flussufer. Und in den Clubs und unserer Küche. Diese unsere Küche, die heute so leer und einsam ist. Und dein Sohn liegt neben an und schläft und ich sitze hier und frage wo du bist und die bist nicht da. Und du wirst auch nicht wieder kommen. Und ich gehe zu ihm und sehe ihn an und versuche zu verstehen, warum alles so kam. Und ich finde doch keine Antwort, so wie ich auf nichts eine Antwort finde, was passiert ist und noch immer passiert. Weiterlesen
Die Klarheit (I)
Die Kraft einer orientierungslosen Schönheit ist es, was mich heute beschäftigt. Mich nicht mehr los lässt. Mich fesselt und ansaugt. Du fehlst mir. Und du fehlst mir auch. Ihr könntet unterschiedlicher nicht sein und doch habt ihr eins gemeinsam. Ihr seid nicht da.
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Sex im Gesicht – Nachruf an das Mädchen
Das Mädchen kam vor zwei Jahren. Aus heiterem Himmel. Es war der U-Bahnhof und es war diese schwangere Frau und es war das Mädchen. Sie stand da, war anwesend und folgte mir. Ich hasste sie. Dann liebte ich sie. Dann ging sie nicht. Dann ging sie. Und mal kam sie wieder. Doch immer und manchmal kam sie nachts zu mir, weinte wohl ein wenig und sprach wirres Zeug, dass ich weder verstand noch verstehen wollte, denn eigentlich war sie mehr als lästig, nervig und zeitaufwendig. Sie war wie ein Spiel, das nicht aufhören wollte zu fesseln. Der Vergleich ist mehr als falsch, wenn nicht sogar ermüdend schlecht, doch er muss jetzt herhalten, denn das, was nun hier folgt wird nur ein einziges mal aufgezeichnet und danach veröffentlicht und nie wieder angerührt.
Sie war also da. Und ich liebte sie. Ein ums andere Mal liebte ich sie. Sie wich nicht von meiner Seite. Wir stritten uns. Wir prügelten uns. Wir lachten und sprachen. Und rauchten. Und tranken. Ich ging meinem Trott nach und hatte sie als Anhängsel. Sie stellte lästige Fragen und bohrte immer genau dort nach, wo es am Meisten weh tat. Sie saß immer in der Küche und starrte immer aus demselben scheiß Fenster. Und sie liebte es, vor allem in späterer Zeit, mein Hand zu halten. Oder sie unterbrach mein Reden durch Schweigen. Und sie stand auf. Sie schwebte durch den Raum. Küche, Schlafzimmer und Bad waren ihr Saal. Ihr Reich. Weiterlesen
Max und Sarah und wie alles begann
Ich war neunzehn. Sie war eigentlich sechsundzwanzig. Ich sah sie tanzen. Sah, wie sie ihren Körper bewegte. Wie sie eins war mit der Musik. Der Club war dunkel. Die Tanzenden eine graue Masse. Sie? Sie war eine Erleuchtung. Wie sie da tanzte. War das ein Blick? Zu mir? Nein, kann nicht sein. Da, wieder. Wo ist sie? Weiterlesen
Biomasse
213 Kilo Biomasse hocken am Straßenrand. Aufgesetztes Lachen, gepaart mit - Braun. Kunstvoll in Szene gesetzt mit Scheinwerfer. Deutsche steht da. Ein Volk. Ein Staat. Dreck. 213 Kilo Mensch. Ohne Hirn. Aber mit Kamera. Schön alles festhalten. Für die Lieben daheim.
Oft läuft er hier vorbei, der, der sich für wirklich deutsch hält und den sie Max nennen, wobei Max gern Eva wäre, aber das darf niemand wissen. Denn man ist ja deutsch. 213 Kilo Abfall wenden den Kopf, wenn Max am Reichstag vorbei läuft. Noch lachen sie, denkt er, der gerne sie wäre, was aber keiner weiß. 83 Kilo zücken die Kamera und halten es fest für die, die zu Hause blieben.
Max geht wieder. Genervt vom und aggressiv gegenüber dem deutschen Volke. Wo sind sie, fragt er, der gern ein Mädchen wäre, wo sind sie, diese Deutschen?
213 Kilo sitzen am Straßenrand und lachen. Die Sonne scheint. Der Scheinwerfer glänzt, die Messingtafeln schließen sich an. Man lacht eben, denkt Max, der sich so danach sehnt, Eva zu sein, aber dann doch deutsch ist und ja eigentlich ganz zufrieden damit.
Eine gütige Alltäglichkeit liegt über dem Ganzen, ganz wie eine Fotografie aus dem Reich, denkt Max, der Eva ist.
am strand
Es wird Regen geben, denke ich bei mir. Ich trage sie behutsam hinunter zum Strand. Sie ist noch immer so leicht, wie früher. Früher. Ein Begriff, der sich anhört, als stamme er aus einem Roman längst vergangener Zeiten.
Ich war neunzehn. Sie war siebzehn. Ich sah sie tanzen. Sah, wie sie ihren Körper bewegte. Wie sie eins war mit der Musik. Irgendwann kam sie zu mir an den Tresen. Ich bestellte einfach zwei Bier. Sie nahm eines und verschwand wieder auf der Tanzfläche. Ich kam mir irgendwie blöd vor. Merkte jedoch, dass sie mich ansah. Plötzlich war sie wieder da. ‚Wie heißt du?’ ‚Max’, sagte ich und starrte sie an. ‚Max. Lass uns doch mal raus gehen, Max.’ Sie nahm mich an der Hand und schlängelte sich mit mir durch die Masse tanzender Menschen.
Die Sonne geht langsam unter. Ich setze sie in den Sand. Setze mich hinter sie, lehne ihren Oberkörper an meinen. Stütze ihren Kopf von hinten mit meiner Schulter. Mein Kinn schwebt über ihrer. Ein aufkommender Wind weht mir ihre Haare ins Gesicht. Ich lege ihr den Schal fester um den Hals. Schließlich halte ich sie und wir sehen dem Sonnenuntergang zu. ‚Siehst du’, sage ich zu ihr, ‚da sind wir nun. Am Strand.’ Ich glaube, sie ist glücklich.
Die Kälte vor der Tür des Clubs damals, war wie ein Schock. Gerade noch gefangen im Bann ihres Blickes, sollte nun die Realität in Form von Eiseskälte zurückkehren? ‚Ich bin Sarah’, sagte sie und ließ meine Hand nicht los. Ich setzte mich und sie nahm wie selbstverständlich auf meinem Schoß Platz. Ich sah, dass sie zitterte, wohl aufgrund der Kälte. Ich legte meine Arme um ihre Hüften. ‚Ich habe dich noch nie hier gesehen’, sagte ich schließlich. Sie lehnte ihren Kopf an meinen. ‚Ich bin erst seit einer Woche in der Stadt.’ ‚Woher kommst du?’ ‚Aus Berlin.’ Nach einer Pause fragte ich sie: ‚Warum sitzen wir hier?’ ‚Weil es eben so ist.’
Die Sonne ist fast im Meer versunken. Ich hülle uns in eine große Decke ein. Denn ich weiß, dass sie es liebt, mit mir unter einer Decke zu sitzen. Ich schließe meine Hände um ihre. Ich liebe sie. Ich hoffe so sehr, dass sie mehr mitbekommt, als es den Anschein macht. Ihre Augen sind starr auf den Horizont gerichtet. Ihr Mund leicht geöffnet. Die Sonne ist nun fast hinter dem Meer verschwunden. Ein letztes Spiel aus Farbe und Form lässt ihre Macht erahnen.
‚Ruf mich an’, sagte sie, als wir uns verabschiedeten und gab mir ihre Nummer. Ich begleitete sie noch ein Stück und versprach anzurufen. Die Türen der S-Bahn schlossen sich. Sie verschwand so schnell aus meinem Blickfeld, wie sie erschienen war. Alles wirkte auf mich, wie ein Traum. Ich saß im Taxi und rief sie an. ‚Hey Max’ ‚Woher weißt du, dass ich das bin?’ ‚Das fragst du? Ich weiß es eben.’ Ich war sehr verwirrt. ‚Gib mir mal den Taxifahrer’, sagte sie zu mir. ‚Hä?’ ‚Nun mach schon’, drängelte sie und lachte. Ich gab dem irritierten Fahrer mein Telefon. Er sagte ein mal paar Mal ‚Ja’ und ‚Aha’. Dann lachte er und legte auf. Ich begriff nichts mehr.
Der Wind der dunkler und rauer werdenden See ist kalt und nass. Ich schmiege mich enger an sie. Ihre Augen sind nun geschlossen. Es ist eine lange Fahrt gewesen und nun schläft sie. Behutsam stehe ich auf und trage sie zurück zum Wagen. In diesen Momenten bin ich einsam und wünsche mir, damals sei alles anders verlaufen.
Als das Taxi vor ihrem Haus hielt, wusste ich nicht, was geschehen würde. Sie stand am Gartentor und lächelte. Ich erkannte ihre Gesichtszüge nur schwer im schwachen Schein der Laterne. ‚Was soll das alles?’ ‚Hier, nimm.’ Sie gab mir eines ihrer zwei Bier, dass sie die ganze Zeit hielt. Ich sah schüchtern auf die Flasche zwischen meinen Händen. ‚Ich weiß nicht, was das soll,’, unterbrach sie die Stille der Nacht, ‚aber ich weiß, was ich fühle.’ Ich sah sie an. Das bisschen Licht, das die Laterne herab ließ, brachte ihre Augen zum Leuchten. ‚Und was fühlst du?’ ‚Das wir eines Tages zusammen am Meer sitzen werden.’
Wir sind im Strandhotel. Das Zimmer ist ruhig und schön. Die Lichter der Standpromenade leuchten zu uns herauf. Ich habe ihren Rollstuhl ans Fenster geschoben. Sie ist wieder wach. Im Licht, das von draußen zu uns herauf kommt, leuchten ihre Augen wieder. Wie damals vor ihrem Haus. Als ich schließlich all meinen Mut zusammen nahm und sie einfach küsste.
Seit dato vergötterte ich sie. Sarah war anders. Sarah war das, was ich immer wollte. Sarah war immer überzeugt davon, dass wir bestimmt waren, füreinander. Und auch wenn unsere Beziehung verlief wie jede andere, mit Höhen und Tiefen, so fühlten wir doch beide, dass zwischen uns noch mehr war, als Liebe. Ein paar Wochen nach diesem Unfall wusste ich, was da noch mehr war. Ich würde mein Leben aufbringen, um ihres zu erhalten.
Nächste Woche kommen Freunde aus Frankfurt zu uns und manchmal habe ich Angst vor der Zukunft. Vor dem dann.
XII
- Weißt du, was ich am U-Bahnhof zu dir gesagt habe, als du dort am Boden gesessen bist?
- Nein.
Es interessiert mich nicht wirklich.
- Ich habe gesagt, du bist schön.
- Und was hab ich geantwortet?
- Gar nichts, sagt sie und blickt aus dem Fenster hinab ins Tal.
Schließlich:
- Du bist irgendwann aufgestanden und die Rolltreppe hinab gefahren. (Pause.) Das hat mich fasziniert.
So langsam interessiert es mich doch, also frage ich:
- Ist das der Grund, warum du mir hinterher gelaufen bist?
Charlotte überlegt. Dann:
- Nein. Ich denke nicht.
- Was war es dann?
- Weiß ich auch nicht genau.
- Du spinnst glaube ich.
Wir lachen. Frei und wirklich. Wirklich frei lachen wir.
- Du spinnst auch, sagt sie prustend.
Noch zwei Kurven und wir erreichen den Berggipfel. Dort erwartet uns eine ebene Fläche. Etwa fünf bis zwanzig Fußballfelder groß. Links und rechts Parkplätze. Komplett leer. Und eine große Tankstelle. Mit Restaurant. Inmitten dieser Betonwüste.
- Du wolltest doch tanken, bemerkt Charlotte.
Danke, Charlotte. Wir fahren eine Zapfsäule an und ich fülle den Tank. Charlotte steigt aus dem Wagen und stellt sich zu mir.
- Deine Ruhe war es, glaube ich.
- Meine Ruhe?
- Ja, du bist dort in der U-Bahn gesessen und warst ganz ruhig und entspannt. Man könnte fast sagen, zufrieden.
- Ich wurde gerade vermöbelt!
- Ja! Und trotzdem bist du eingeschlafen.
- Mh.
Irgendwie verstehe ich sie mal wieder nicht und mache mh. Einfach mh. Angewidert von meinem eigenen mh versuche ich das Beste aus der Situation zu machen:
- Lass uns essen gehen.
Sie folgt mir. Wie immer.
Im Restaurant ist kein Mensch. Nur ein Ziege grast in der Ecke. Sie wechselt alle dreiundzwanzig Sekunden die Farbe und als sie blau ist, kommt sie zu uns an den Tisch. Wir haben uns direkt in die Mitte des Lokals gesetzt.
- Da ist es wieder das Blau, flüstert mir Charlotte zu.
Es kribbelt in den Beinen und Händen. Ich muss etwas zerschlagen. Zügle mich angestrengt.
- Halt die Klappe, zische ich Charlotte zu und sie lehnt sich erstaunlich selbstbewusst und ebenso beleidigt zurück.
Die Ziege fragt uns, was wir wünschen. Ich bestelle zwei Pils. Sie bedauert, mit gekünsteltem Mitleid, dass es kein Pils gäbe in diesem bayerischen Spezialitätenrestaurant. Als ich sie höflich darauf hinweise, dass dies bereits Österreich sei, antwortet sie, mit schwäbischem Dialekt, dass es dort erst recht kein Pils geben würde. Somit bestelle ich zwei Helle und ein Steak – ja, blutig. Die Ziege verdreht verärgert das linke Auge.
- Charlotte, was willst du essen?
- Gar nichts.
- Du wirst doch wohl was essen, jetzt.
Es ist mir peinlich. Missmutig studiert sie die Karte. Die Ziege beginnt mit der Hinterpfote auf den gekachelten Boden zu tippen. Auch ich bin genervt.
- Ich nehme die Rinderbrühe. Danach Schweinelendenchen. Gut durch. Dazu Kartoffeln und zur Nachspeise drei Kugeln Eis. Zwei Vanille. Eine Kaktusblüte.
Die Ziege zieht ab.
- Du hättest ja nicht gleich so übertreiben müssen.
- Du musst gerade reden.
Ich zünde mir eine Zigarette an und lehne mich zurück. Entspannung wäre angebracht. Ich strecke die Arme aus und es knackt links gewaltig. Rechts spannt etwas.
- Du solltest die Sonnenbrille abnehmen.
- Kann ich denn?
- Ja, es ist dunkel genug hier.
- Du musst es verantworten.
- Warum ich?
- Wer hat mich denn so zugerichtet?
Charlotte steht auf.
- Was ist jetzt wieder?
- Gestattest du, dass ich pinkeln gehe?
Ich sage nichts. Charlotte verschwindet irgendwo. Ich betrachte meine Hände, die weh tun. Wovon auch immer. Adern durchziehen die dünne Haut. Ich möchte sie heraus reißen und mir eine Halskette daraus flechten. Die Kraft des Nikotins in meinen Adern lässt mich an Indianer glauben, deren Existenz meine Exfreundin vehement bestritten hat und mich irgendwann soweit hatte, dass auch ich fast daran glaubte. Aber Nikotin, dass du meine Adern fließt, bringt mir meinen Glauben zurück. Ich möchte aufstehen und rufen, dass ich an Indianer glaube. Doch es würde niemanden interessieren. Nicht einmal die Ziege, die soeben das Bier an den Tisch stellt und Charlotte, die soeben zurück kehrt.
- Was ist los, fragt sie, und setzt sich wieder.
- Nichts. So wirklich.
Wir schweigen eine Weile und schließlich bringt die Ziege unser Essen. Es ist gut. Es ist scheiße nochmal richtig verdammt gut.
- Yeah, sagt Charlotte.
- Yeah.
XI
Die plötzliche Explosion meines Handschuhfaches zwingt mich zu der von mir so sehr verhassten Konzentration auf mein Auto, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich reiße das Steuer rum. Gegensteuern. Vom Gas. Bremsen. Gang runter. Rechts blinken. Auf den Standstreifen. Warnblinker rein. Abbremsen. Stehen bleiben.
Verwirrt und neugierig zugleich sitzt Charlotte in dem von ihr verursachten Chaos, einem Kind gleich, das auf einmal Mittelpunkt einer Gesellschaft Erwachsener ist und dies plötzlich realisiert. Schließlich blickt sie mich an und strahlt.
- Bist du noch ganz dicht? brülle ich sie an.
Sie hebt einen Lippenstift von ihrem Schoß und hält ihn mir hin.
- Ist das deiner?
- Was?
Ich kreische hysterisch herum. Schlage aufs Lenkrad ein, wenn ich schon Charlotte nicht verprügeln kann, was in diesem Moment nicht an meinem Anstand liegt, sondern eher daran, dass ich noch immer angeschnallt bin und sie im Auto nicht auf die Art und Weise schlagen kann, die mir im Sinn steht.
Meine Brust droht zu platzen. Jede kleine Verletzung der letzen Tage brennt und schmerzt, als sei sie gerade entstanden.
- Nein! Das ist nicht mein verschissener Lippenstift!
Charlotte ist die Ruhe in Person. Oder ist es Gleichgültigkeit? Ich beneide sie darum.
- Von der Mama deines Sohne, wie?
- Ja und?
Sie liebte Lippenstifte. Rot in allen Variationen. Ich liebte ihre Weiblichkeit.
Charlotte sitzt da. Zwischen irgendwelcher Unterwäsche. Stiften. Zetteln. Einem Buch – Salinger. Ein paar Kassetten. Und uralten Gummibärchen. Grünen und gelben. Die roten waren immer als erste weg.
Ich habe Gummibärchen schon immer gehasst und ab heute noch viel mehr. Charlotte hebt eine fast leere Flasche Cola vom Boden auf und hält sie gegen das Licht. Eine dicke Schicht Schimmel hat sich gebildet. Ich nehme eine Schachtel Kippen, die zwischen uns gelandet ist. Zwei Zigaretten sind noch drin. Es sind die letzten Zeugen von panischen Fluchten vor meiner Exfreundin. Fluchten vor Streit und Wut. Fluchten vor dem Chaos im Kopf und daheim.. Ich zünde mir eine an.
- Kannst du das bitte wieder einräumen?
Ruhe kehrt mit jedem Zug zurück. Diese Zigaretten aus genau dieser bedeutungsschwangeren Schachtel tun noch immer ihren Dienst. Nach zwei Minuten ist völlige Leere in meinem Kopf. Kein Chaos im Auto. Keine Ex. Keine Erinnerungen an vergangene Aggressionen. Kein Sohn. Und nur noch bedingt Charlotte.
Warnblinker aus. Motor an. Kupplung. Gas. Links rein und weiter. Charlotte stopft alles zurück ins Handschuhfach. Jedes bescheuerte Gummibärchen sammelt sie ein und legt es dazu. Ich begreife sie einfach nicht. Ich kann sie nicht fassen. Ich kann sie nicht einordnen. Nicht kontrollieren. Nicht abschätzen. Nicht leiden. Ich sollte sie aussetzen. An der nächsten Raststätte raus fahren und sie einfach stehen lassen. Irgendein blöder Lastwagenfahrer wird sie sicherlich gern mitnehmen. Sollte sie bei dem dann genauso anhänglich sein, hätten sich damit zwei gefunden. Ein perfekter Plan.
Charlotte spielt mit Streichhölzern und ich beobachte sie aus dem Augenwinkel.
- Lass das, fauche ich sie an.
Sie hört auf und ich vergesse meinen Plan. Die Berge tauchen am Horizont auf. Groß, grau, mächtig. Und ätzend.
- Ich hasse die Berge sagt Charlotte
Super. Danke. Eine kurze Sympathie. Ich fahre auf den nächsten Parkplatz. Blinker. Rastplatz. Motor aus. Da sitzen wir nun. Starren aus dem Auto hinaus in den Wald vor uns. Der Wald trieft vor Nässe.
- Ich muss mal pissen, sage ich und steige aus.
Ich klettere über die Leitplanke und stapfe durch den Wald. Irgendein Baum außer Sichtweite des Parkplatzes ist mein Ziel.
Als ich zurück zum Auto stolpere, höre ich schon von weitem Musik. Ich sehe Charlotte, die sich am Autoradio zu schaffen macht. Sie hat wohl eine der alten Kassetten gestartet und dreht nun die jammernde Stimme Bertrand Cantats auf und blickt mich an. Ich zeige ihr einen Vogel. Reiße meine Tür auf. Beuge mich ins Auto. Drehe die Musik ab.
- Warum tust du das?
- Weil ich keine Musik hören will. Und schon gar nicht diese.
- Lass uns weiter fahren, sagt sie.
- Ja. Gleich.
Ich drehe mich um. Lehne mich an den Wagen. Und rauche schon wieder. Ich hasse es, wenn Zigaretten nicht mehr schmecken. Wenn nichts mehr passt. Wenn alles unangenehm und störend ist. Wenn alles zuviel ist. Ich will nach Hause.
- Roman?
- Was denn?
- Steig ein, bitte. Und fahr weiter.
Ich füge mich ihr und setze mich hinters Steuer. Raus auf die Autobahn. Gas. Geschwindigkeit.
- Darf ich die Musik wieder anmachen?
Ich sehe kurz zu ihr rüber.
- Ja. Wenn’s sein muss.
Sie dreht am Radio. Cantant singt weiter. Er singt von einer Frau. Ich verstehe ihn. Verstehe jedes seiner verfluchten Worte. Wie er ihr hinterher trauert. Wie er um sie weint und sie zurück will. Und dann doch wieder nicht. Und dann vielleicht doch.
Blinker. Rechte Spur. Gas runter. Kupplung. Rechts raus. Irgendein Dorf. Es ist fast Mittag und ein seltsames Blau liegt in der Luft. Wir fahren auf einer Landstraße. Charlotte spricht nicht. Ich auch nicht. Nur Cantant spielt noch ein wenig, bevor auch er schweigt und seinen Part beendet. Landstraßen sind die erträglichsten aller Straßen. Die Fahrt ist meist in einem angenehmen Tempo. Es ist oft recht leer. Und man wird nicht bescheuert, nur weil man von Beton und Blech umgeben ist.
Blau also ist es, das wir sehen.
Charlotte und ich.
Überall nur blau.
Ich halte an - steige aus.
Charlotte mir hinterher. Ich renne in ein Feld. Ich brülle rum. Charlotte rennt noch immer hinter mir. Es ist erstaunlich, wie gut sie Schritt halten kann. Ich drehe mich um, schreie sie an, sie solle endlich verschwinden. Blau. Blau ist überall. Und Charlotte weint und versucht mich festzuhalten. Doch sie schafft es nicht. Ich renne – jetzt rückwärts. Sie packt mich. Am Hemd. Sie zerrt daran und läuft und ich falle und sie fällt und es ist blau. Und wird nun rot und dann orange. Und als es orange bleibt, schließe ich die Augen und Charlotte legt mir die Hand auf die Brust und schreit nun mich an. Und ich sehe sie an und erhebe mich und wir laufen zurück zum Auto. Langsam diesmal. Doch sie kreischt, als gäbe es kein Morgen und dann sind wir endlich am Wagen und sie beendet ihr Solo und wir steigen ein.
Und das Orange ist weg.
Und auch das Rot.
Und das Blau.
Und ich starte den Motor.
Wir fahren weiter und wieder ist alles Schweigen. Ich öffne mein Fenster. Zigarette an. Rauchen. Rauchen. Rauchen. Charlotte steckt den Kopf aus dem Fenster. Ihre Haare wehen im Wind. Ekelhaft das.
- Tu den Kopf rein.
- Wieso?
- Weil du sonst krank wirst.
- Machst du dir Sorgen um mich?
Sie setzt sich wieder vernünftig hin. Ihre Augen sind rot vom Weinen. Und mein Hals kratzt vom Schreien.
- Nein. Ich mache mir keine Sorgen um dich. Du bist alt genug.
- Richtig, sagt sie.
Es ist halb zwei. Die Sonne brennt und ich will Bier. Alkohol. Scheiß Auto fahren. Wir sind nun mitten in den Bergen. Die Straße quält sich unangenehm steil und kurvig den Berg hinauf.
Charlotte sieht ständig hinab ins Tal, das immer kleiner wird, je weiter wir hochfahren.
- Ich finde das doof, sagt sie.
- Du wolltest doch raus fahren.
- Ja, aber doch nicht in die Berge.
- Wohin denn sonst? Es gibt hier nichts anderes.
- Nein?
- Nein!
In einer Kurve parke ich den Wagen. Charlotte steigt aus und läuft zu einem Fernglas.
- Gib mir ein paar Cent, ruft sie mir zu.
Ich gebe sie ihr und sie sieht in die Ferne.
- Was siehst du?
- Einen Weinbauern.
- Einen Weinbauern?
- Ja, er melkt ein Schaf.
Ich rauche und betrachte den Himmel. Blau. Weiß. Am Horizont ein wenig grau. Es klickt und das Fernglas ist wieder verschlossen. Charlotte stellt sich zu mir und sieht ebenfalls den Himmel an.
- Ich hab Hunger.
- Du hast auch nichts zum Frühstück gegessen.
- Das Scheißbrot war schon schlecht.
Sie geht zum Wagen und setzt sich rein.
- Dann lass uns was essen fahren.
Ich setze mich zu ihr und wir fahren weiter den Berg hinauf.
X
Einigermaßen nass – abtrocknen einfach unmöglich – komme ich zurück in die Küche. Charlotte hat alle Scherben in eine Ecke gekehrt. Ich will etwas sagen, doch lasse es. Stattdessen setze ich mich. Sie hat ihr Bett gemacht und serviert nun Kaffee. Das ist mir schon wieder zu viel. Ich hasse so was.
- Danke, sage ich und sie nimmt Platz.
Ich zünde mir eine Zigarette an. Sie starrt aus dem Fenster. Ich blase ihr Rauch entgegen, doch sie reagiert nicht.
Wir schweigen. Ich will, dass sie geht. Dass sie endlich verschwindet. Der Wunsch, der gestern Abend in Vergessenheit geriet, manifestiert sich erneut sehr stark in meinem Inneren. Ich trinke meinen Kaffee, der scheiße ist, weil sie ihn gemacht hat. Weil sie ihn mir hingestellt hat. Weil sie ihn verdammt noch mal einfach hingestellt hat. Vor meine Nase. Missmutig betrachte ich das Weißbrot, das vor mir auf einem der letzten Teller liegt.
- Wo hast du das her? frage ich und deute auf das Brot.
Sie sieht meinem Finger hinterher, dann mich an.
- Aus dem Schrank hinter dir.
- Das ist uralt!
Angeekelt schiebe ich es beiseite. Sie glotzt aus dem Fenster. Geh endlich, denke ich bei mir. Geh doch bitte endlich. Ich bin genervt. Ich betaste behutsam mein Gesicht. Nichts blutet mehr, doch irgendwie ist alles angeschwollen und fühlt sich sehr seltsam an. Ich will allein sein.
- Also gut, ringe ich mich schließlich durch, wohin willst du fahren?
- Ich?
Sie erschrickt.
- Nein, wir! Wohin fahren wir?
- Ach so.
Ihr Schreck kehrt sich in Aufregung um. So ein blödes Ding.
- Ich weiß nicht. Einfach raus. Können wir nicht einfach drauf los fahren?
- Ja, brumme ich, und gehe am Scherbenhaufen vorbei ins Schlafzimmer.
Irgendwas angezogen. Irgendwas eingepackt. Zurück in die Küche. Charlotte steht im Gang vor der Wohnungstür. Oktoberfestshirt. Trainingshose. Und ihre Ballerinas. Wortlos dränge ich an ihr vorbei. Schlüssel schnappen und raus.
Sie läuft mir hinterher, wie ich es gewohnt bin. Es ist irgendwie zu kalt draußen.
- Wie spät ist es, frage ich und drehe mich nach ihr um.
- Weiß nicht. Wo ist dein Auto?
Wenn ich das wüsste, säßen wir längst drin. Also suchen wir. Nein, ich suche. Sie latscht hinterher. War ja klar. War ja so scheiße klar, dass ich jetzt die Dreckskarre nicht finde. Gerade wünsche ich mir, sie sei abgeschleppt, oder von mir aus auch geklaut worden, da steht sie an der Ecke in ihrem rostigen Glanz.
- Da, sage ich und deute auf meinen Uraltford aus dritter oder vierter Hand. Irgendwo aufgetrieben, an irgendeiner anderen Straßenecke, in emphatischer Freude über den damals druckfrischen Führerschein.
Ich schmeiße in den Kofferraum, was wir dabei haben. Charlotte setzt sich auf den Beifahrersitz und knallt die Tür sehr unsanft ins Schloss. Ich setze mich zu ihr ins Auto und habe die Schnauze so sehr voll. Am liebsten einfach wieder aussteigen. Zurück gehen. Ins Bett legen. Einschlafen. Nie mehr aufstehen. Alles vergessen. Alles, was je gewesen ist. Inklusive Charlotte.
- Wir müssen irgendwo mal tanken.
Mit einem Rütteln startet der Motor.
Charlotte beobachtet jede meiner Aktionen. Kupplung. Gang rein. Blinker. Blick nach hinten. Lenkrad rum. Gas. Charlotte sieht alles. An der ersten Ampel ist es vorbei mit meiner Geduld.
- Charlotte! Hör auf damit!
Sie erwidert nichts. Beschäftigt sich nun aber mit ihren Haarspitzen. Dann sieht sie aus dem Fenster.
Der Verkehr ist mäßig. Ampel. Grün. Ampel. Rot. Fußgänger. Radfahrer von links. Bus auch links. Gas. Ampel. Straßenbahn. Zebrastreifen. Anhalten. Mutter mit Kind. Mutter. Mit. Kind. Scheiße. Weiter. Gas. Ampel. Stehen. Links blinken. Links fahren. Wieder stehen. Einparker. Links vorbei. Ampel. Rechtsabbiegerpfeil. Ich hasse Autofahren. Rechts im Spiegel. Radfahrer. Trotzdem rum. Mir egal. Gas geben. Dann endlich – Autobahn.
- Salzburg oder Nürnberg.
Charlotte fingert am Handschuhfach herum. Also Salzburg. Ich hasse die Berge. Doch ich kann kein Meer herbei zaubern. Also Berge. Links blinken. Links rüber. Autobahnauffahrt. Einordnen. Gas geben. Mit einem Knall fliegt das Handschuhfach auf und längst Vergessenes fliegt auf Charlottes Schoß und quer durchs Auto.