Mädchengewalt

Berlin ist eine gefährliche Stadt. Das war schon immer so – das wird vermutlich auch immer so bleiben. Dass sich Straftaten seit Beginn der – sagen wir mal – frühen Neunziger vervielfacht haben ist auch klar. Dass es vor Allem junge Menschen sind, die zur Gewaltbereitschaft neigen, wissen wir auch. (Und ich möchte hier niemanden diskreditieren. Auch der Teil nach zwanzig um uns herum schlägt bestimmt mal zu – doch es passt nicht zu Sinn und Zweck dieser Story – sofern überhaupt vorhanden.)

Um die Schubladen der Vorurteilskommode noch weiter zu füllen möchten wir sagen, es sind meist die Jungs. Dann kommt ein sozial schwacher Hintergrund dazu, der falsche Stadtbezirk und so weiter und so fort.
Ich sage hier und heute: Alles Quatsch.

Da fuhr ich also gestern am helllichten, wunderbar sonnigen Frühlingsnachmittag einmal quer durch Ostberlin – vom Spittelmarkt zur Eberswalder. Saß gemütlich – es war wohl halb vier – in einer dieser alten U-Bahnen mit der gelben Farbgebung und den unglücklich bunten Kunststoffsitzen, als am U-Bahnhof Senefelder Platz drei Mädchen einstiegen.

Da ich, außer Musik zu hören, nichts zu tun hatte, lasse ich meinen Blick schweifen und ihr Einstieg durch eine der hinteren Türen nahe meiner Sitzgelegenheit blieb nicht unbemerkt.

Die Szene muss dahingehend ergänzt werden, dass ich kurz erläutern möchte, wie sich die Bühne unseres kleinen Schauspiels verhielt: Ich saß gegenüber der Bahnsteigseite ungefähr ziemlich links auf der Bank, links von mir waren noch zwei Plätze und rechts kam alsbald eine dieser unbequemen Haltestangen vertikaler Natur und weiter rechts daneben war ausreichend Platz.

Die drei Mädchen, welche ich inzwischen gleichgültig gemustert hatte und auf typische Prenzlauer Berg Mädchen schätzte (Hallo, ihr Schubladen…) waren vielleicht um die sechzehn Jahre alt, hübsch aber unauffällig gekleidet und auch ansonsten nicht weiter Aufmerksamkeit erregend.
Zwei von ihnen nahmen direkt links von mir Platz (zur Erinnerung, es waren zwei Plätze für Menschen schlankerer Natur frei) und die ganze Dramatik nahm ihren Lauf.

Ich war für kurze Zeit in Playlisten meines MP3-Players vertieft, als plötzlich die junge Dame links außen anfängt wie eine Verrückte nach rechts zu drängen, was dazu führte, dass sie zuerst das Mädchen zwischen uns und schließlich mich in einem solchen Maße bedrängte, dass ich mich genötigt sah – ob der Haltestange – meinen Körper und mich zu erheben und einen Sitzplatz weiter zu wechseln.

“Smack my bitch up”

Ich hörte „The Prodigy” und konnte insofern nicht verstehen, was die Gören von sich gaben, die nun genügsam zu dritt auf ihren erkämpften Plätzen saßen. Nicht nur schockiert, ich war zu zutiefst entrüstet, ließ mir jedoch nichts anmerken, da ich von Natur aus friedlich veranlagt bin.

Es folgte nach diesem Gerangel alsbald der U-Bahnhof Eberswalder Straße und ich machte Anstalten die Bahn zu verlassen. Die Wahl stand zwischen zwei Türen, davon eine am anderen Ende des Wagens und entgegen meiner gewünschten Richtung, die andere entlang der Schlägerinnen.
Da ich sowohl mein Gesicht bewahren, als auch nicht nachgeben wollte, entschied ich mich für letztere Tür und wurde belehrt, dass Mädchen nicht nur teamfähig (sie gehen meist zu mehrt aufs Klo), sondern auch noch dreist ohne Ende sind:

Nicht etwa, dass die Ungeheuerlichkeit diese Frechheiten fortzusetzen schon genug gewesen wäre, nein, es stellten mir auch noch alle drei(!!!) ein Bein. In der Summe sind das drei potenzielle Stolperfallen und ich hatte Mühe mich auf meinen eigenen Beinen zu halten, hangelte mich mühselig zum Ausgang, drehte mich um, nahm die Ohrstöpsel aus den ebenso genannten Ohren und schaute wie ein geprügelter Affe in die Runde von sechs Augen.

Gekicher.

Aber keines Marke „ladylike”. Sondern ein sehr provokantes. Bevor ich etwas sagen konnte, bekam ich die filmreife Frage “Hast du Problem?” um die Ohren gehauen.

“Ja”, sagte ich. Und schon war Schluss. Was sollte ich denn darauf nun lässig antworten?

Ich entschied mich für den buddhistisch, feigen Weg, stieg aus und ging meiner Wege.

Doch der Gedanke lässt mich bis jetzt nicht los.